Interview mit Berliner Pro Femina-Beraterin 

„Berlin – jetzt erst recht!“ 

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Beraterin aus Liebe.
Beraterin aus Liebe.
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Shutterstock/1000plus

Viele haben sich gefragt, wie unsere Berliner Beraterin Bianca* den Anschlag auf unser Beratungszentrum vor wenigen Tagen wohl überstanden hat. Wer liest, was sie heute auf unsere Interviewfragen geantwortet hat, wird erkennen: Hier steht eine Frau, die mit Leidenschaft und Nächstenliebe ihrer Berufung nachgeht. Und hier steht eine mutige Frau, die sich so schnell nicht einschüchtern lässt. 

 

Liebe Bianca, die schlimmen Geschehnisse rund um den Anschlag auf unser Beratungszentrum in Berlin liegen erst wenige Tage zurück. Wie geht es Ihnen inzwischen?

Die Wucht und Aggression, die in den riesigen schwarzen Schriftzügen und den eingetretenen oder eingeschlagenen Fenstern lag, haben mich innerlich im wahrsten Sinne des Wortes erschüttert. Inzwischen spüre ich, dass ich innerlich wieder ein Stück weit befriedet bin und neue innere Festigkeit habe. Und ich spüre in mir ganz kämpferische Anteile – der Zuspruch einer Unterstützerin „Jetzt erst recht!“ findet in mir – gerade für diese Stadt, die so hart tut und doch so weich ist – absoluten Widerhall. Berlin – jetzt erst recht!

Gab es etwas, das Ihnen in diesen schweren Stunden besonderen Halt gegeben hat?

Ich habe in den letzten Tagen (und Nächten) viel gebetet. Das hat mir neue Kraft, neuen Mut und neue Zuversicht gegeben. Auch die vielen bewegten, ermutigenden und kraftvollen Zeilen vieler unser Unterstützer, unser Zusammenstehen im ganzen Team und das Wissen, dass unsere Arbeit, unsere Beratungsstelle hier in Berlin und auch ganz besonders diese Stadt in Gebete eingewoben werden, hat mir viel Halt gegeben. 

Die Täter haben in ihrem Bekennerschreiben behauptet, Pro Femina berate nicht ergebnisoffen. Weiter wird kritisiert, dass Pro Femina den sogenannten Beratungsschein nicht ausstelle. Was antworten Sie darauf?

Jede Beratung, auch die von Pro Femina, ist natürlich „ergebnisoffen“ insofern, als dass es immer die Frau ist, die letztlich dann entscheidet, ob sie zu einer Abtreibung geht oder Ja zum Leben sagt. Wenn „ergebnisoffene Beratung“ aber so verstanden wird, dass die Frau allein gelassen wird in dieser existenziellen Krise, dann haben die Menschen, die uns das vorwerfen, absolut keinen Schimmer davon, wie es den tausenden Frauen, die sich an uns wenden, im Herzen wirklich geht und wonach sie in der Beratung suchen. Auch bezeichnend finde ich, wie viele Frauen sich an uns wenden, NACHDEM sie bei einer „ergebnisoffenen Beratung“ waren und den Schein bereits in den Händen halten – diese Frauen suchen echte Beratung, ein offenes Ohr, Begleitung in der Suche nach Lösungen – die Frage nach dem Schein spielt bei diesen Frauen gar keine Rolle mehr.

Mit welchen Nöten wenden sich Frauen an Pro Femina? Kommen da gewisse Dinge immer wieder vor, und wie versuchen Sie, dieser Not in der Beratung zu begegnen?

Sehr häufig wenden sich Frauen an uns, die in ihrem Umfeld unter starkem Druck stehen – allermeist von dem Partner beziehungsweise Vater des Kindes, manchmal von den Eltern oder anderen nahen Vertrauten. „Das schaffst Du nicht“, „Du machst Dir Deine Zukunft kaputt" oder ähnliche Sätze machen Druck, den vermeintlich „einfacheren“ Weg der Abtreibung zu gehen. Ein Satz begegnet mir immer wieder, und erst gestern sprach ihn eine Frau am Telefon in diesem Wortlaut: „Alle denken oder sagen: Lass es doch ‚einfach' weg machen. Aber in mir wehrt sich alles.“ Wir möchten die Frauen in ihrem eigenen Empfinden stärken, sie mit ihren eigenen inneren Stärken in Kontakt bringen und sie ermutigen, ihrem Herzen zu vertrauen und zu folgen. Und ihnen anbieten, sich mit unserer Unterstützung angesichts vieler „Unmöglichkeiten“ auf die Suche nach Möglichkeiten und Lösungen zu begeben. 

Was ist Ihre ganz persönliche Motivation, diese Arbeit zu tun? 

Ich habe in den Tätigkeitsfeldern, in denen ich vorher gearbeitet habe, immer wieder Frauen in Krisensituationen begleitet und gerade deren Schwangerschaft und das Mutterwerden darin als eine besonders kraftvolle Zeit erlebt, in der ganz viel Veränderung stattfand und möglich wurde, die vorher so lange unmöglich erschien… Ich habe erlebt, zu welch kraftvoller Liebe und welch leuchtendem Mut viele dieser Frauen fanden und habe das Wunder und Geheimnis der Schöpfung, gerade auch in Bezug auf die Mutterschaft, bestaunen dürfen.

Leider habe ich in dieser Zeit auch Frauen zu „Beratungen“ begleitet, die nach der Nachricht einer ungeplanten Schwangerschaft völlig durch den Wind waren und voller Angst (eine ganz normale erste Reaktion auf eine so alles umwälzende Nachricht!) – und die nach nur 10 Minuten aus diesen Gesprächen kamen – mit Schein, aber weiterhin ohne innere Sortierung, ohne das Angebot einer weiterführenden Beratung und Unterstützung, ohne jedes Mut machende und auffangende Wort... Ich bin begeistert, dies nun so ganz anders anbieten und (er-)leben zu dürfen!

In der kurzen Zeit Ihres Wirkens in Berlin – haben Sie da schon so etwas wie eine „Lieblingsgeschichte“ in der Beratung erlebt?

Oje (lacht), nur eine? Ich bin in dieser kurzen Zeit schon so vielen bewundernswerten und wundervollen Frauen begegnet, die in ihren eigenen Herzen so viel Mut und Hoffnung entdeckt und freigelegt haben, und nun mit erhobenen Köpfen die (manchmal noch immer sehr herausfordernden) Wege gehen…ich möchte eine dieser Heldinnen in einer meiner „Lieblingsgeschichten“ selbst zu Wort kommen lassen, die anfangs voller Angst und Zweifel war, kurze Zeit später dann aber schon schrieb: „…wie mein Kind auch diesen seelischen Schmerz heilen kann. Ich merke es selber Tag für Tag, wie die Trauer, der Schmerz und die Angst immer mehr schwindet und die bedingungslose Liebe wächst. Dieses kleine Wesen gibt mir so viel Hoffnung, so viel neue Kraft und Stärke jeden Tag mein Bestes zu geben, nicht aufzugeben. Ich hätte niemals in meinem Leben gedacht, dass ich jemanden jemals wieder so doll lieben könnte.“

Wenn Sie 3 Wünsche für Pro Femina und „Ihre“ Schwangeren frei hätten: Was würden Sie sich wünschen?  

Erstens, dass möglichst viele Frauen in dieser existenziellen Ausnahmesituation den Zugang zu Pro Femina finden und wissen dürfen: sie sind in dieser Situation und Not nicht allein.

Zweitens, dass das politische Augenmerk sich von dem immer weiter vereinfachenden und schwellenloseren Zugang zur Abtreibung abwendet und hinwendet zu einem Beratungsansatz, der ganzheitlich die Frau in den Fokus nimmt und ihr das an die Hand gibt, was sie für eine wirklich freie Entscheidung benötigt: Begleitung, Unterstützung und zum Beispiel auch Zeitschwellen, die sie vor ihren ersten Schockreaktionen schützen.

Drittens, dass der alte und weise Spruch „Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“ wieder in das Bewusstsein unserer westlichen Welt gelangt – gegenseitige Verantwortung und Bezugnahme, verlässliche Beziehungen, eine Rückbesinnung von der übergroß geschriebenen Selbstverantwortung und Individualität hin zu einem gesellschaftlichen Konsens der Verantwortlichkeit füreinander.

Möchten Sie gerne persönliche Worte an Bianca richten? Hier können Sie ihr eine Nachricht hinterlassen. 

*Den Nachnamen von Bianca haben wir aus Sicherheitsgründen weggelassen.

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"Setzen Sie ein Zeichen dafür, dass Sie an unserer Seite stehen und dass Sie sich gemeinsam mit uns dem Druck von Hass und Zerstörungswut nicht beugen werden. Bitte spenden Sie für den Wiederaufbau in Berlin und dafür, dass wir weiterhin die Beratung und Hilfe zur Verfügung stellen können, die inmitten der Dunkelheit unserer Tage TROTZDEM Entscheidungen für das Leben möglich macht."

Kristijan Aufiero

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