Wie man Schwangeren in Not hilft, wieder Mut zu fassen

"Eine Freude, die zurückstrahlt!"

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Cornelia Lassay leitet das Heidelberger Beratungszentrum.
Cornelia Lassay leitet das Heidelberger Beratungszentrum.
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1000plus/Montage

Wie hilft man einer Schwangeren in Not, wieder Mut zu fassen? Die Leiterin des Beratungszentrums Heidelberg, Cornelia Lassay, steht Rede und Antwort.

(1000plus-NewsWie hilft man einer Schwangeren in Not, wieder Mut zu fassen? Mit dieser Frage sind die Beraterinnen von Pro Femina jeden Tag konfrontiert. Ihr Ansatz ist einzigartig – und speist sich vor allem aus zwei psychotherapeutischen Schulen. Im Interview mit 1000plus-News erklärt Cornelia Lassay – die Leiterin des 1000plus-Beratungszentrums Heidelberg – auf welchen Grundlagen ihre Beratungsarbeit steht. 

Wir haben bisher zwei psychotherapeutische Schulen kennengelernt, die bei Pro Femina angewandt werden: die Logotherapie und die lösungsorientierte Kurzzeittherapie. Wie beziehen die Beraterinnen beide Ansätze in der Praxis ein?

Wir verfolgen einen integrativen Beratungsansatz, wobei die Logotherapie schon die Grundlage für unsere Arbeit ist. Aber man muss im Blick haben, dass es bei uns ja nicht um eine Therapie-Sitzung geht. Wir beziehen intuitiv das Handwerkszeug in unsere Beratung ein, das die Situation gerade am meisten erfordert.

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Es ist ja keine Therapie im klassischen Sinne, da wir mit der Schwangeren nicht die üblichen Schritte eines therapeutischen Gesprächs klären können, wenn eine Schwangere uns in Panik anruft und nicht weiter weiß. Wenn sie ihre gesamte Existenz am Boden zerstört sieht, weil ihr Mann sie unter Druck setzt oder Ausbildung oder Studium auf dem Spiel stehen oder eine permanente Überforderung ihr die Luft abschnürt, geht es erst einmal darum, sie aufzufangen und behutsam zu verstehen, was Ihre größten Ängste und Nöte sind. Das empathische Verstehen und behutsame Nachfragen ist grundlegend, bevor wir Wege aus der Krise suchen und das Gespräch Richtung Lösung lenken.

Sie sagten eben, dass Sie da auch intuitiv vorgehen, also nicht so, dass Sie sich bewusst für einen therapeutischen Ansatz entscheiden?

Nein, sehr intuitiv! Das ist sogar wichtig. Aber auf einer professionellen Ebene. Professionelle Intuition speist sich aus Wissen und Erfahrung. Statt eingeengt ein Konzept zu verfolgen, schöpfen wir aus einem großen Repertoire und integrieren verschiedene Ansätze. Eine starre Festlegung wäre hier unangebracht. Vielmehr geht es darum: Was ist jetzt gerade notwendig, um der Schwangeren im Entscheidungsprozess weiterzuhelfen? Diese Frage erfordert eine situative, individuell zugeschnittene Antwort.

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Cornelia Lassay: "Es ist mir ein Herzensanliegen, einer Schwangeren in ihrer tiefsten Not und Verzweiflung beizustehen."

Können Sie spontan Beispiele nennen, wie die Konflikte gelagert sind und wie Sie vorgehen?

Stellen Sie sich eine junge Frau vor, die bisher immer zurückstecken musste, weil sie aus einer Familie kommt, in der mit vielen Kindern das Geld knapp war. Der permanente Vergleich mit Gleichaltrigen sitzt tief. Endlich hat sie einen tollen Job, endlich kann sie mithalten und plötzlich wirft sie eine Schwangerschaft in den Zustand zurück, dem sie entkommen wollte. Meine Vorgehensweise besteht nun unter anderem darin, zu erfahren, wie sie neben den enttäuschenden Erfahrungen hinaus ihre Familie erlebt hat, was hat sie an Lebensweisheiten von ihren Eltern mitbekommen, was war bei allem Schweren auch gut und richtig. Meine Aufgabe sehe ich darin, sie zu stärken und ihr das Schöne und Liebenswerte bewusst zu machen, also sie mit der Liebe, die sie in ihrer Familie erfahren hat, in Berührung zu bringen, damit sie den Mut und die Kraft finden kann, ein Ja zu ihrem Kind zu finden.

Wie würden Sie das tun?

Diese Familie war vielleicht nicht zweimal im Urlaub pro Jahr, und die Kleidung war vielleicht nicht immer modern, aber die Eltern haben sich möglicherweise auf andere Weise unwahrscheinlich Mühe gegeben, um ihren Kindern eine Freude zu bereiten. Wenn sie sich erinnert, wie sie sich als Kind über die Schnitzeljagd im Wald um die Ecke gefreut hat oder ein ganz besonderer und verlässlicher Zusammenhalt da war, kann sie vielleicht die Wertmaßstäbe ihres Umfelds etwas beiseite schieben und neu erkennen, worauf es in einer Familie und im Leben wirklich ankommt.

Haben in unserer Gesellschaft andere Ziele mehr Priorität, als Mutter und Vater zu werden?

Das ist sicher so. Eine Mutter wird schon einmal mitleidig angeguckt. Das gutgemeinte Bedauern, wie das denn überhaupt gehen soll mit so vielen Kindern, das zieht unglaublich runter. Und jetzt ist sie mit dem fünften Kind schwanger und alles wird ihr zu viel, denkt sie, weil jeder um sie herum das so empfindet. Doch dass sie schon vier Mal Ja zum Leben gesagt hat, das ist diese Liebe, die unsere Kultur so nötig hat. Es ist großartig und bewundernswert, was sie bisher als Mutter geleistet hat. Wenn sie sich an Pro Femina wendet, hört sie das in dieser Überzeugung wahrscheinlich zum ersten Mal.

... aber die Probleme mit vielen Kindern?

Selbstverständlich sind die Herausforderungen da, aber sie hat einmal durchgeatmet und sich gesehen gefühlt. Sie hat neben unserer ganz konkreten Hilfe wie der Finanzierung einer Haushaltshilfe oder der Kinderbetreuung für einen bestimmten Zeitraum echte Wertschätzung erfahren, die sie innerlich aufrichtet. Wir kommen so von der Problemsprache weg hin zur Lösungssprache!

Und das positive Denken und die Herzlichkeit, mit der Sie den Schwangeren begegnen, kann den entscheidenden Anstoß geben?

Meiner Überzeugung nach: Ja. Es liegt neben aller Professionalität in allererster Linie an unserer Haltung, mit der wir den Schwangeren und Kindesvätern in der Krise begegnen! So arbeiten wir auch am Aufbau einer Kultur des Lebens: Die Mütter und auch die Väter, die sich an Pro Femina wenden, erfahren bei uns eine Würdigung, die tief wirkt. Es entsteht eine Freude, eine Leichtigkeit, die über die Frau, die bei uns angerufen hat, in ihre Familie zurückstrahlt.

Ist das dann der ideale Zeitpunkt, um die Lösungen fokussieren zu können?

Richtig, wir schauen dann zum Beispiel, ob neben der Rolle als Mutter und Vater auch noch etwas Zeit für die wichtige Zweisamkeit vorhanden ist. Im Alltag bleibt dies leider oft als erstes auf der Strecke. Finden die Eltern trotz Stress noch die Momente im Familien-Alltag, um sich gegenseitig zu loben auch für das scheinbar Selbstverständliche und um dem anderen zu zeigen, wie sehr man ihn schätzt? Wir versuchen mitten in der Alltagssituation das, was gut läuft, zu entdecken und herauszustellen. Und das erzeugt eine unwahrscheinliche Schubkraft!

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