Doppel-Interview zum Tag der Schwangeren

“Ich werde Ihnen mein ganzes Leben lang dankbar sein!”

  • Stern
  • Stern
  • Stern
  • Stern
  • Stern
(1)
Chiara Thonet (links) und Cornelia Lassay erklären, was Schwangere in Not brauchen.
Chiara Thonet (links) und Cornelia Lassay erklären, was Schwangere in Not brauchen.
 | Foto:

1000plus/Montage

Zwei Beraterinnen im Interview: Was hilft Schwangeren wirklich? Wie kann man ihnen Liebe vermitteln? Und: Was hat das mit dem Tag der Schwangeren zu tun?

 

Am 1. Oktober 2018 findet erstmals der  „Tag der Schwangeren“ statt. Ausgerufen wurde dieser besondere Tag von 1000plus. Was erhoffen Sie sich als Beraterin vom Tag der Schwangeren?

Cornelia Lassay: Kinder haben heute nicht mehr den Stellenwert in unserer Gesellschaft wie früher. Sie werden viel eher als Belastung angesehen. Als Konsequenz genießen auch Schwangere in unserer Gesellschaft nicht mehr den Stellenwert, wie es noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Ein oder zwei Kinder werden gemeinhin noch akzeptiert, aber bei mehr Kindern werden die Frauen häufig mitleidig belächelt oder sie stoßen auf Unverständnis bis hin zu offener Ablehnung. 

Was macht das mit einer Schwangeren? Wir erleben in unserer Beratungsarbeit immer wieder, welche immens hohe Bedeutung nicht nur die Reaktionen des näheren Umfelds  haben, sondern auch das Verhalten jedes einzelnen in der Gesellschaft. 

Viele Frauen haben die Sorge, was wohl die Leute über sie denken – werden sie abgestraft durch abschätzige Blicke oder offenes Kopfschütteln? Es ist erschreckend, wie tief die Angst vor Ablehnung sitzt. Manch eine Frau traut sich über Wochen nicht, vor die Tür zu gehen aus Angst vor den Reaktionen. Zur eigenen Unsicherheit und massiven Ängsten kommt verletzendes Unverständnis des Umfelds noch hinzu, so dass es für die Schwangere immer schwerer wird, ein JA zu dem ungeborenen Kind zu finden und es willkommen zu heißen. 

Ich frage mich: Wie sähe denn unsere Welt ohne Kinder aus, ohne das Lachen und Staunen, die Neugier und die kaum zu stillende Wissbegierde? Ich erhoffe mir, dass durch den Tag der Schwangeren alle Schwangeren auf dieser Welt auf mehr Wertschätzung und Wohlwollen treffen, so dass in ihnen mehr Kraft und Vorfreude wachsen kann – und sie das Gefühl haben: Es ist goldrichtig, diese Entscheidung für ihr Kind getroffen zu haben. 

Chiara Thonet: Ich erhoffe mir, dass jede schwangere Frau an diesem Tag besonders in den Fokus gerückt wird und sie dadurch von der Öffentlichkeit wertgeschätzt wird. Gleichzeitig hoffe ich, dass dieser Tag zeigt, wie schön es ist, dass Kinder geboren werden und wie dankbar wir den Frauen gegenüber sein dürfen, sollen und eben auch müssen – denn sie schenken Leben! 

Es ist unsagbar wichtig, dass man nicht vergisst, dass wir alle eine Verantwortung haben. Eine Verantwortung unseren Mitmenschen gegenüber – unabhängig davon, ob man selbst eine Familie hat oder nicht – ihnen Dankbarkeit entgegen zu bringen, das bedeutet auch Dankbarkeit zu zeigen für jeden Menschen, der neu auf die Welt kommt.

 

Cornelia Lassay beschreibt ihren Weg zu 1000plus

Wie versuchen Sie in Ihrer alltäglichen Beratungsarbeit, Wertschätzung und Respekt Schwangeren gegenüber zu leben?

Cornelia Lassay: Wenn von einem Moment zum anderen die Gewissheit da ist, dass es zu einer unerwarteten Schwangerschaft gekommen ist, stürzt bei vielen Frauen die Welt ein. Es gibt so viele Gründe, weshalb der Zeitpunkt unpassend erscheint. Alles was völlig unerwartet eintritt und den Lebensplan erschüttert, wird bedrohlich groß. Nichts ist plötzlich mehr so wie vorher. Angst und Panik brechen aus. Der Druck, eine Entscheidung treffen zu müssen, nimmt zu. Beide Wege fühlen sich für die Schwangere oft falsch an. Sie ahnt, dass eine Abtreibung sie stark belasten könnte, auf der anderen Seite der Waagschale steht jedoch die Angst, das bisherige Leben zu verlieren – im schlimmsten Fall ihren Partner/Ehemann. Oder die eigene Einschätzung, nicht bereit zu sein für die Größe an Verantwortung und Fürsorge.  

Respekt bedeutet, diese Not anzuhören und der Verzweiflung erst einmal Raum zu geben und sie mit auszuhalten. Dabei schaue ich, wo sie für sich Gelungenes oder Missglücktes in der Gestaltung ihres Lebens und in ihren Beziehungen sieht. Es ist etwas Wertvolles und Schönes, gemeinsam mit ihr, die Ressourcen zu entdecken, also die in ihr liegenden Fähigkeiten, um dieser neuen Herausforderung zu begegnen. In jedem Menschen steckt die Sehnsucht nach einem gelingenden Leben, nach Annahme und Zugehörigkeit, nach Treue und Verständnis. In vielen Gesprächen ist es nötig, Anwältin der Würde der Frau zu sein, denn in ihrem Alltag erfährt sie unter Umständen, wie ihr durch Ablehnung, Missachtung und Isolation diese Würde genommen wird. Hätte ich nicht die unerschütterliche Gewissheit, dass es einen guten Weg für jede Schwangere mit ihrem Kind gibt, könnte ich dieser Aufgabe angesichts der Schwere und Tragweite nicht nachgehen.

Chiara Thonet: Durch die wertschätzende Haltung, die wir innerhalb des Teams leben, fällt es uns nicht schwer, diese auch nach Außen zu tragen. Wir nehmen uns für „unsere“ Schwangeren Zeit. Heute ist man es leider nicht mehr gewohnt, dass sich das Gegenüber wirklich Zeit nimmt, zuhört und einfach für einen da ist. Wir zeigen den Frauen dadurch: Du bist wichtig! Du bist mir wichtig! Du bist ein kostbarer Mensch! Und Du bist es wert, gehört zu werden. 

Ich denke, schon alleine durch unsere erste individuelle und ausführliche Antwort auf den Multiple-Choice-„Abtreibungstest“, über den sich Schwangere in Not an uns wenden, wird unsere Wertschätzung deutlich. Wir schenken ihnen eben diese Zeit, nehmen ihre Probleme ernst, ohne sie zu verurteilen und versuchen gemeinsam mit ihnen Lösungen und Wege zu finden. Nicht umsonst heißen wir Pro Femina – für die Frau – denn auch wenn im Umfeld alle gegen die Frau sind, sind wir FÜR sie! Wertschätzung gegenüber dem neuen Leben bedeutet in unserer Beratung auch die Wertschätzung gegenüber dem „alten“ Leben, also gegenüber der Frau! Indem wir ihr nicht mit der Moralkeule (zu der wir gar kein Recht haben!), sondern mit Liebe, Respekt und vorurteilsfrei begegnen; erst dann ist echte Beratung möglich.

 

Was ist es, was Schwangeren das Leben oft schwer macht? Berichten sie Ihnen von Hindernissen, verletzenden Worte oder sogar Ausgrenzungen?

Cornelia Lassay: Das Umfeld spielt eine immens wichtige Rolle. Wenn niemand da ist, der sich trotz schwieriger Umstände mit der Schwangeren mitfreut oder sie ermutigt „ich bin da für Dich, wenn Du mich brauchst“ dann wird einer Schwangeren schmerzhaft bewusst, dass sie vollkommen alleine dasteht. Die Gefahr ins Bodenlose zu fallen ist groß. Jede Reaktion in diesem verletzlichen Augenblick kann für die Frau bedeutsam sein: Sind die Reaktionen des Partners, der eigenen Mutter, der besten Freundin, der Oma positiv oder negativ? Schon das Verhalten des Arztes hat eine wichtige Bedeutung: Gratuliert er oder fragt er in die Verwirrung der Frau hinein: Was wollen Sie denn jetzt machen? Dies wird oft als kühl und distanziert empfunden. Es gibt wohl kaum Schlimmeres in dieser Situation, als Gleichgültigkeit und Ablehnung zu erfahren oder gar verurteilt zu werden. Barmherzigkeit unseren Mitmenschen gegenüber und Nächstenliebe zu leben bedeutet nicht, die Umstände zwangsläufig gut zu heißen, sondern den Menschen zu sehen, der jetzt echtes Mitgefühl und ganz konkrete Hilfe braucht.

Chiara Thonet: Ja, all das hören wir. Schlussendlich hat es sich keine der Frauen ausgesucht, in eine Konfliktsituation zu geraten. Meist sind oder fühlen sie sich komplett allein gelassen – vom Partner, der droht sie zu verlassen und ihnen sagt: entweder das Kind oder ich; oder von den Eltern, die sagen: Du bist selbst schuld; oder von den Freunden, die in lustigen und schönen Zeiten immer da gewesen sind, aber sich abwenden, wenn schlechte Zeiten kommen. Und auch unsere Gesellschaft lässt Schwangere und deren Familien im Stich. Es ist ein Tabuthema und man spricht nicht genug über die Not, aber auch die Hilfen für Schwangere.

Die so menschliche Sehnsucht nach Sicherheit, Liebe, Geborgenheit und Zugehörigkeit trägt jeder von uns in sich. Die wird besonders deutlich, wenn ein Mensch in einer Notsituation ist. Wenn eine Frau ungeplant schwanger ist, sehnt sie sich gerade nach diesen Dingen und wird oft von allen Seiten zurückgewiesen. Das ist traurig! In diesen Momenten, wo Ausgrenzung, Zurückweisung und Druck vorherrscht, kommen wir ins Spiel.

 

Womit kann jeder einzelne von uns einer Schwangeren eine Freude bereiten?

Cornelia Lassay: Ich wünsche mir, dass jeder Schwangeren mit einem strahlenden Lächeln und der Haltung begegnet wird: Wie schön, dass du ein Kind unter deinem Herzen trägst und es willkommen heißen möchtest! Manchmal passt es nicht, gleich zu fragen: „Und freut sich Dein Freund oder Dein Mann?“, „Wisst ihr schon, ob es ein Mädchen oder Junge wird?“, sondern besser ist es, erstmal behutsam zu fragen: „Wie geht es Dir?“, „Brauchst Du etwas?“, „Kann ich Dir helfen, das Babybettchen aufzubauen, Dein Lieblingsgericht zu kochen, Dir die Wäsche zu bügeln oder den Einkauf für Dich erledigen“? All das klingt so simpel, doch hat diese schöne Fürsorge eine große und ermutigende Wirkung. Jede Schwangere freut sich über eine kleine Aufmerksamkeit, die von Herzen kommt: Das kann die Lieblingsschokolade sein, eine kleine Blume oder vielleicht ein kuscheliger 1000plus-Storch ;-) Eine Frau, die durch unsere diesjährige Muttertagsaktion Sachspenden erhalten hat, schrieb uns ganz gerührt, es fühlt sich fast an, als habe sie eine Familie, die an sie denkt! An dieser Rückmeldung erkennt man deutlich, wie einsam manch eine Schwangere ist – und gleichzeitig, wie wertvoll jede Art der Unterstützung sein kann.

Chiara Thonet: Jeder kann Schwangeren eine Freude bereiten, allein durch Aussagen wie „Ich bin für Dich da!“, „Auf mich kannst Du Dich verlassen!“ Schwangere, die sich an unsere Beratung wenden, sind häufig in ihrem Selbstwert erschüttert, da braucht es jemanden, der ihnen Hoffnung und Perspektiven gibt. Wir Menschen sind frei, das heißt, wir sind frei, das Bestmögliche aus der Situation, aus uns zu machen. Manchmal brauchen wir aber für dieses Vorhaben Hilfe von Außen. Ich würde mir wünschen, dass wir das nicht nur als Beraterinnen tun, sondern dass auch die Menschen im direkten Umfeld der Schwangeren beistehen. 

Schon allein ein liebevolles Lächeln kann vieles bewirken: Das nächste Mal wenn Sie mit der
U-Bahn fahren, im Bus sitzen, oder in der Fußgängerzone laufen und auf eine Schwangere, oder eine Mutter mit ihren meist lebhaften Kind treffen, schenken Sie ihr doch ein Lächeln. 

 

Die 1000plus-Beraterinnen senden Pakete mit Störchen an Schwangere.
Die 1000plus-Beraterinnen senden Pakete mit Störchen an Schwangere.
 | Foto:

1000plus

 

Haben Sie schon Rückmeldungen von „Ihren” Schwangeren zu diesem besonderen Tag?

Cornelia Lassay: Die bisherigen Reaktionen unserer Unterstützer und der Zuspruch der uns zum Tag der Schwangeren erreicht, erfreuen uns sehr. Auch von Schwangeren, denen wir einen Storch bereits zugesandt haben, haben wir die ersten Rückmeldungen erhalten. Die Resonanz auf den Tag der Schwangeren ist berührend!  Eine Frau hat geschrieben: „Ich finde es schön, dass Sie sich für einen Tag der Schwangeren einsetzen!“ Eine andere hat uns ganz berührt mitgeteilt, dass sie sich freue, ein Teil des Tages für Schwangere sein zu dürfen. Und wiederum eine dritte hat sich mit allen anderen Schwangeren verbunden, denen dieser Tag gewidmet ist: „Wie lieb, dass Sie an uns Schwangere denken!“

Chiara Thonet: Wir haben zunächst „unsere“ Schwangeren gefragt, ob wir ihnen eine kleine Überraschung zusenden dürfen. Die Frauen wussten bis dahin noch nicht, dass wir ihnen – dank der Hilfe unserer Unterstützer – unsere schöne Glückwunschkarte und unseren 1000plus-Storch senden werden. Um so größer war die Überraschung und Freude, wie die folgende Nachricht zeigt, die uns heute Morgen erreicht hat: 

„Vielen herzlichen Dank für dieses super süße Päckchen. Ich habe mich so riesig gefreut! Sobald das Bettchen für unseren kleinen Bauchzwerg fertig ist, wird der Storch darin auf ihn warten. Ich werde mein ganzes Leben lang dankbar sein, dass genau Sie den Hörer abgenommen haben, als ich damals nicht weiter wusste. Dieser kleine Schatz bereichert unser Leben jeden Tag ins Unermessliche.“ 

Eine andere Schwangere schrieb uns: 

„Ohhhhhh wie süß Ihr Geschenk ist. Jetzt hat unser Baby schon das erste Kuscheltierchen. Vor allem Ihr persönlicher Text hat mich zu Tränen gerührt. Sie haben von Anfang bis jetzt mit mir gefiebert und mir ständig zur Seite gestanden. Sie können nicht glauben, dass mich das immer sehr gestärkt und ermutigt hat. Ich danke Ihnen für alles, für Ihre Hilfe und für diese nette Geste. Es freut mich auch unglaublich, dass sie sich für mich freuen!“

Im Kollegenkreis haben uns diese Reaktionen sehr erfreut. Eine Schwangere, der wir einen Storch zugesandt haben, schrieb uns sogleich zurück und sagte, sie sei ganz entzückt gewesen und der große Bruder von zwei Jahren habe sich sogleich in unseren 1000plus-Storch verliebt.  

1000plus-News möchte auf die Not ungewollt schwangerer Frauen aufmerksam machen. Unterstützen Sie die Arbeit der 1000plus-Beraterinnen mit Ihrer Spende.

Stichworte

Das könnte Sie auch interessieren