Kommentar: SPD entmündigt Schwangere in Not

"Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität"

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Im Namen der Freiheit gegen die Freiheit?
Im Namen der Freiheit gegen die Freiheit?
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Pro-Choice-Aktivisten und ihre Sympathisanten schüchtern ein und zerstören – und das alles im Namen der Freiheit. Das Recht auf Selbstbestimmung wird wieder attackiert, wenn Frauen bestimmte Beratungsangebote verweigert werden sollen, die sie freiwillig aufsuchen.

von Andreas Kuhlmann

Auf dem Landesparteitag der SPD in Berlin am 26. Oktober 2019 hat die „Kreisdelegiertenversammlung der SPD Steglitz-Zehlendorf“ (KDV) einen Antrag auf Verbot von Pro Femina e.V. gestellt, der im „Konsensverfahren“ angenommen wurde. Dies geschah wenige Wochen nach einem zerstörerischen Akt gegen ein neues Pro Femina-Beratungszentrum in Berlin, den man nur als Angriff auf die bürgerliche Freiheit durch Linksextreme bewerten kann. Dass kurz danach einige Politiker der SPD mit falschen Behauptungen Stimmung gegen Pro Femina gemacht haben, ist alarmierend. Friedliche Menschen, die sich großzügig für die Verwirklichung von Grundrechten einsetzen, indem sie schwangeren Frauen Zeit und Gehör und wenn gewollt auch konkrete Hilfen anbieten, sollen eingeschüchtert werden. Ihre Meinungsfreiheit und die freie Ausübung ihrer bürgerlichen Rechte werden missachtet durch eine gewalttätige kriminelle Aktion, die mit Verleumdungskampagnen politischer Kräfte flankiert werden. Die Aggressoren erfahren Unterstützung durch Politiker, die eine bedenkliche Vorstellung von Demokratie an den Tag legen, indem sie Freiheitsrechte offenbar nur Gleichgesinnten zugestehen und Andersgesinnten verweigern. Das ist erschreckend, aber nicht neu.

 

Im Namen der Freiheit gegen die Freiheit

Im Rahmen einer guten Erinnerungskultur haben wir 2019 bedacht: Vor 30 Jahren ist die Mauer der Bevormundung und Unfreiheit gefallen. Die meisten Menschen in Europa sind bis heute darüber froh. Sie stand für eine Ideologie, die sich anmaßte, den eigenen Bürgern vorzuschreiben, wie sie ihre Freiheit zu nutzen hatten. Die Botschaft war: Wir wissen besser als ihr, wie ihr eure Freiheit zu nutzen habt! Der Mauerbau war in diesem perfiden Sinne ein Schutzwall gegen den vermeintlichen Freiheitsmissbrauch. Denn jedem, der nicht ideologiekonform fühlte, dachte und handelte, wurde die Freiheit aberkannt und genommen. Um die Freiheit dieser Bürger gegen den Kapitalismus des Westens zu schützen, baute man die berühmt-berüchtigte Mauer. Der Nebeneffekt dieser so „fürsorglichen“ Maßnahme war die Entmündigung vieler Bürger. Wer ein anderes Leben wollte, durfte es nicht wählen; wer nach seiner Freiheit leben wollte, wurde seiner Freiheiten – Meinungsfreiheit, Wahlfreiheit, Bewegungsfreiheit und so weiter – beraubt.

Dieses absurde Drama, das auf der Bühne der DDR rund 40 Jahre vorgeführt wurde, hat ein österreichischer Liedermacher, Georg Danzer, in seinem Lied "Die Freiheit" (1979) treffend karikiert. Ein Kind fragt den Wärter nach dem nicht zu sehenden Tier. „Das ist die Freiheit!, sagte er zu mir“ – so heißt es im Lied. Das Kind ist irritiert und bekommt dann vom Wächter die ernüchternde Erklärung: „Das ist ja gerad´ der Gag: man sperrt sie ein und augenblicklich ist sie weg!“ Die eingesperrte Freiheit ist nicht mehr zu finden – sie ist verschwunden. Danzer: „Denn nur in Freiheit kann die Freiheit Freiheit sein.“ Die Schlussfolgerung seines Songs, der eine unwiderlegbare Logik vor Augen führt, die offensichtlich von vielen bis heute nicht verstanden wird.

 

Solidaritätsentzug erzeugt Unfreiheit

Im Kontext der Freiheit und Kritik an Pro Femina steht diese Frage im Zentrum: Können und dürfen schwangere Frauen sich frei für ihr Kind entscheiden? Grundsätzlich sollte man meinen, darauf könnte ein eindeutiges Ja gesagt werden. Wenn Pro Choice gilt, dann doch wohl auch für die Wahl, die Schwangerschaft trotz Schwierigkeiten zu einem guten Ende – das meint die Geburt des Kindes – fortzuführen. Aber wahrheitsgemäß muss man sagen, dass es zwei Antworten auf die Frage gibt: Ja und Nein! Ja, wenn das Umfeld die Schwangere frei entscheiden lässt und sie nicht bedrängt oder bedroht oder ihr die Unterstützung verweigert. Unterstützung, das ist mehr als bloß Geld oder materielle Hilfe. Sie ist vor allem Verständnis und Begleitung und Einfühlungsvermögen in ihre Situation. Sich mit einer schwangeren Frau über das Kind in ihrem Leib zu freuen ist das gebotene Signal, das vielen Frauen verwehrt wird. Nochmals: Kann eine schwangere Frau frei entscheiden, ob sie das Kind zur Welt bringen will? Nein, wenn man sie mit Solidaritätsentzug unter Druck setzt. Nein, wenn man ihr die Möglichkeit verwehrt, Beratung zu finden, die ihr Leben und das Leben des Kindes achten und fördern will. Nein, wenn weiter so agitiert wird, wie es im Herbst 2019 in Berlin passiert ist. Denn Frauen, die einen guten Ausweg für sich und ihr Kind suchen, interessieren solche Ideologen in Wirklichkeit nicht. Ihnen geht es um ihre Interessen und nicht um die in Not befindlichen hilfesuchenden schwangeren Frauen. Vielleicht können sie nicht anders reagieren. Aber die Freiheit der Mitmenschen respektieren – das sollten sie können und das muss man von ihnen erwarten.

Pro Femina Berlin

Das Brandenburger Tor in Berlin: Symbol der Freiheit Grafik: 1000plus

 

Angst vor der Freiheit?

Am 23. Juni 1996 hielt ein besonderes Staatsoberhaupt, der damals schon rund eine Milliarde katholische Christen repräsentierte, nämlich Papst Johannes Paul II., eine große Rede am Brandenburger Tor, in der er folgendes anmerkte:

„Es war von allem Anfang an mein aufrichtiger Wunsch, bei diesem Pastoralbesuch in Deutschland auch nach Berlin zu kommen. Zunächst wollte ich natürlich den Gläubigen dieses Erzbistums begegnen, die wie alle Berliner die schmerzvolle Spaltung ihrer Stadt über Jahrzehnte erdulden mussten und trotzdem sich nicht haben beirren lassen und in innerer Verbundenheit und Solidarität erfuhren, dass die Macht der Gewalt und des Zwanges, der Mauern und des Stacheldrahtes die Herzen der Menschen nicht auseinanderreißen konnte. Nirgendwo sonst haben sich während der gewaltsamen Teilung ihres Landes die Sehnsüchte nach Einheit so sehr mit einem Bauwerk verbunden wie hier. Das Brandenburger Tor wurde von zwei deutschen Diktaturen besetzt. Den nationalsozialistischen Gewaltherrschern diente es als imposante Kulisse für Paraden und Fackelzüge, und von den kommunistischen Tyrannen wurde dieses Tor mitten in dieser Stadt zugemauert. Weil sie Angst vor der Freiheit hatten, pervertierten die Ideologen ein Tor zur Mauer.“

Mir scheint, die Feinde der Beratung von Pro Femina sind von dieser Angst vor der Freiheit bestimmt, die die Zugänge zur lebensfreundlichen Beratung zumauern möchten, weil sie selbst nicht mit ihrer Freiheit zurecht kommen. Denn die eigene Freiheit für das Leben eines anderen Menschen einzusetzen ist höchst anspruchsvoll und verlangt ein hohes Maß an Verantwortung und Hingabebereitschaft. Es verlangt Liebe zum Nächsten, die über sich hinauswächst. Es erfordert die Bereitschaft, alles für einen anderen zu geben, der auch leben möchte, verbunden mit der Größe, jemanden anderes in das eigene Leben so sehr hineinzulassen, dass es scheinbar keinen Platz mehr für sich selbst gibt. Aber indem man das Risiko eingeht, es mit einem neuen Leben zu wagen, erfährt das eigene Leben eine ungeahnte Weite und eine bereichernde Freude. Das ist die Erfahrung der vielen Frauen, denen durch Pro Femina e. V. geholfen werden konnte.

Dieser unter zwei Diktaturen groß gewordene Papst sagte vor 23 Jahren Worte, die gerade im Blick auf die aktuellen Ereignisse wie klares Licht sind:

„Das Brandenburger Tor ist zum Tor der Freiheit geworden. An diesem so geschichtsträchtigen Ort fühle ich mich veranlasst, an Sie alle, die Sie hier anwesend sind, an das deutsche Volk, an Europa – das auch zur Einheit in Freiheit gerufen ist – an alle Menschen guten Willens einen dringenden Appell für die Freiheit zu richten. Möge dieser Appell auch jene Völker erreichen, denen bis heute das Recht auf Selbstbestimmung verweigert wird, jene nicht wenigen Völker – es sind sogar viele –, bei denen die Grundfreiheiten der Person – die Glaubens- und Gewissensfreiheit und die politische Freiheit – nicht gewährleistet sind.“

 

Keine Selbstbestimmung ohne freie Beratungswahl

Das Recht auf Selbstbestimmung wird wieder attackiert, wenn Frauen bestimmte Beratungsangebote verweigert werden sollen, die sie freiwillig aufsuchen. Die genannten Grundfreiheiten werden negiert, wenn Initiativen wie Pro Femina verboten werden sollen und ihnen damit verweigert werden soll, in Not geratenen Schwangeren Alternativen zur Abtreibung aufzuzeigen und zu ermöglichen.

Deshalb sind die zentralen Worte von Johannes Paul II. von damals diejenigen über die Wahrheit und über die Solidarität:

„Freiheit bedeutet nicht das Recht zur Beliebigkeit. Freiheit ist kein Freibrief! Wer aus der Freiheit einen Freibrief macht, hat der Freiheit bereits den Todesstoß versetzt. Der freie Mensch ist vielmehr der Wahrheit verpflichtet.“

Unser Grundgesetz nennt diese Wahrheit ganz zu Beginn: Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben! Diese Wahrheit wird offensichtlich von den Pro-Choice-Anhängern nicht geteilt. Und ihr Verhalten steht auch im Gegensatz zur authentischen Solidarität, wie sie der Papst aufzeigte:

„Die Idee der Freiheit kann nur da in Lebenswirklichkeit umgesetzt werden, wo Menschen gemeinsam von ihr überzeugt und durchdrungen sind – in dem Wissen um die Einmaligkeit und Würde des Menschen und um seine Verantwortung vor Gott und den Menschen. Da – und nur da –, wo sie zusammen für die Freiheit einstehen und in Solidarität für sie kämpfen, wird sie errungen und bleibt sie erhalten. Die Freiheit des einzelnen ist nicht zu trennen von der Freiheit der anderen, aller anderen Menschen. Wo die Menschen ihren Blick auf das je eigene Lebensfeld begrenzen und nicht mehr bereit sind, auch ohne Vorteile für sich selbst sich für andere zu engagieren, da ist die Freiheit in Gefahr. In Solidarität gelebte Freiheit demgegenüber wirkt sich aus im Einsatz für Gerechtigkeit im politischen und sozialen Bereich und lenkt den Blick auf die Freiheit. Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität.“

Die Freiheit ist wieder in Gefahr in unserem Land. Pro Femina steht zweifellos für die Freiheit, Wahrheit und diese Solidarität. Man kann nur hoffen, dass die Freunde der Freiheit in Berlin, in Deutschland und in Europa die Mehrheit bilden und sich demokratisch durchsetzen können. Denn andernfalls… – wir kennen die Geschichte.

 

Zum Autor: Dr. med. Dr. theol. Andreas Kuhlmann ist Arzt und Priester der Personalprälatur Opus Dei.

 

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