Interview mit 1000plus-Beraterin, die in den USA studiert hat

Meisterhafte Beratung

Sara (Mitte) freut sich über ihren Abschluss.
Sara (Mitte) freut sich über ihren Abschluss.
 | Foto:

Privat

Die 1000plus-Beraterin hat gerade ihr Zusatz-Studium in den USA abgeschlossen. Im Interview erzählt sie, was sie gelernt hat. 

Liebe Sara, Du hast gerade in den USA deine Fortbildung zum "Master of Counseling" (Master-Titel im Fach Beratung) abgeschlossen. Hat sich die Weiterbildung gelohnt?

Die Fortbildung hat sich aus Gründen gelohnt, die teilweise nur schwer in Worte zu fassen sind. Eine Ausbildung, deren Ziel es ist, nicht nur das Denken, sondern auch das Sein neu auf Gott hin auszurichten zum Wohle seiner Mitmenschen und zum persönlichen Wachstum, schafft Wissenserweiterung und Veränderung, die rein menschlich gar nicht planbar, geschweige denn rein menschlich umsetzbar wären. 

Die Fortbildung hat meinen Horizont vor allem dahingehend erweitert, dass mir das Wichtigste neu in den Vordergrund gerückt wurde – meine Mitmenschen. Zu lernen, wie dem ringenden Menschen auf eine Weise begegnet werden kann, die zu seinem persönlichen Wachstum beiträgt, bringt auf der einen Seite Demut, da das Bewusstsein darüber wächst, wie ähnlich sich der Mensch in den wesentlichen Dingen ist, die den Menschen eben ausmachen. Auf der anderen Seite bringt es eine tiefe Freude und einen tiefen Frieden hervor, die man sich aus eigenen Stücken heraus nie so hätte aneignen können. 

Ich glaube, dass gerade Demut und eine gewisse tiefe Freude und Frieden eine wichtige Voraussetzung dafür sind, anderen Menschen in Not tiefgreifend und stabil helfen zu können. Und gerade bei 1000plus ist dies vonnöten, weil die Sorgen und Ängste der schwangeren Frauen oft viel tiefer liegen und nicht nur von ihrer Seite, sondern auch vonseiten der Beraterin eine Resilienz verlangt wird, die ausharren und übergangsweise die Frau mittragen kann.

Was war Deine größte Erkenntnis in Deinem Studium?

Meine größte Erkenntnis ist wohl gewesen, dass ich nichts lieber sein würde als Beraterin. Der Mensch in Not liegt mir noch näher am Herzen, als ich es zuvor geglaubt habe. Ich habe gelernt, dass der Mensch immer komplexer ist als angenommen. Manches jedoch ist in der Heiligen Schrift offenbart und trägt so zu einem besseren Verständnis des Menschen bei.

Der Mensch ist als verantwortliches Wesen im Ebenbild Gottes geschaffen. Jeder Mensch kämpft zu jeder Zeit an irgendeiner Front, sei das damit verbundene Leid auch noch so gering oder noch so groß. Das ist keine Schande, im Gegenteil, es ist unumgänglicher Teil des Lebens. Die verschiedensten Ausprägungen spiegeln sich in den unterschiedlichsten, ganz individuellen Umständen eines Menschen wieder und treffen auf das Herz des Menschen, das wiederum auf die Umstände reagiert. Es reagiert entweder in einer Weise, die biblisch gesprochen Frucht hervorbringt, oder Schaden anrichtet.

Durch Beziehung offenbart sich Gott und in Beziehung geschieht Veränderung. Wenn eine Beraterin einer Frau so begegnet, als wäre es Christus selbst, der zu ihr käme (Matt. 25, 34-40) und wenn sie ihr in der Liebe Christi begegnet, dann ist Veränderung im Herzen der Frau und ein Umdenken, das Gute zu tun, für sie möglich. 

Sara erzählt, wie sie zu 1000plus gekommen ist.

Beratungsqualität ist sehr wichtig. Was sind im Gegensatz dazu „typische" Fehler, die man in der Beratung von Schwangeren in Not vermeiden sollte?

Die Beratungsqualität leidet, wenn die Beraterin sich von ihren eigenen Ängsten gefangen nehmen lässt. Das kann zum Beispiel passieren, wenn die Probleme der Schwangeren zu übermächtig erscheinen und man in ihren „Strudel“ mit hineingerät. Es hilft, sich hier neu bewusst zu werden, dass die Frau eine eigene Verantwortung trägt, die die Beraterin ihr nicht abnehmen kann, bei deren Wahrnehmung sie aber sehr wohl Stütze sein kann. 

Ein weiterer typischer Fehler könnte es sein, zu glauben, man selbst würde nie in die Begleitumstände der jeweiligen Frau kommen. Demut ist ein guter Schutz davor, aus Überheblichkeit Ratschläge zu verteilen, die die Frau am Ende gar nicht annehmen kann, da sie maximal an der Peripherie ankommen. 

Das leitet über zu einem nächsten Fehler: Oft fühlt man sich als Beraterin gezwungen, möglichst schnell Lösungen zu präsentieren. Meistens sind diese mit einem wirklich guten Rat verbunden. Damit dieser Rat Wurzeln schlagen kann und die Lösungen fruchten, muss sich die Frau ernst genommen, „gesehen“ und verstanden fühlen. Das ist nur dann möglich, wenn die Beraterin versucht, die Frau und ihre Situation möglichst gut zu verstehen. Im Zweifelsfall eine weitere, tiefer gehende Frage stellen! Erst dann kann sich zu dem Problem vorgetastet werden, das der Frau im Moment den Atem abschnürt und es ihr unmöglich erscheinen lässt, an eine Zukunft mit dem Baby zu denken.

Weiter ist wichtig: Selbst, wenn die Beraterin glaubt, die Situation der Frau umfassend ergriffen zu haben, muss sie einen Schritt zurückgehen und neu feststellen: der Mensch ist (in einer biblischen Anthropologie) ein gefallenes Geschöpf, aber er ist ein komplexes gefallenes Geschöpf. Das Gute ist nicht ausgelöscht, es ist lediglich überschattet. Wie kann also in der Breite das Gute in der Frau, das menschlich Schöne, herausgearbeitet werden, sodass die Frau wieder einen weiten und festen Boden unter ihren Füßen erlangt?

Ich denke, dies kann mit einem folgenden Punkt angegangen werden, ohne den die gesamte Beratung fehlgeleitet wäre: Wir sehen die Frau als Protagonistin ihres eigenen Lebens und als Teil der Weltgeschichte, die Gott in seiner göttlichen Liebe geschrieben hat. Mit der Liebe, die Gott uns geschenkt hat, wollen wir den Frauen begegnen. Denn diese Liebe macht es möglich, sich für das Gute zu entscheiden. Es gibt nichts Größeres als diese Liebe. Und das merken die Frauen – auch wenn in unserer Beratung "nur" die impliziten Grundlagen christlich sind, nicht aber das explizite beraterische Auftreten.

Damit diese Liebe, verbunden mit Annahme, Geduld und Stärke, Raum ergreifen kann, muss die Beraterin mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten in den Hintergrund rücken. Als Beispiel sei hier die Menschenfurcht genannt, von der die Bibel spricht: Jeder kennt sie, jeder hat sie, bei jedem zeigt sie sich anders und in unterschiedlicher Intensität. Menschenfurcht hat den Fokus auf das Selbst, nicht auf das Gegenüber – ein Fehler, den man lernen kann, immer seltener zu begehen. Am Ende eines Gesprächs muss das Hauptproblem so gut erfasst sein, dass wir wissen, wofür wir für die Frau im Nachhinein beten können. In anderen Worten: Die Frau muss sagen können, ihrem Problem wurde noch tiefgreifender begegnet, als sie es zuvor selbst verstanden hatte. 

Der Graduierten-Hut, der steht ihr gut.
Der Graduierten-Hut, der steht ihr gut.
 | Foto:

Privat

Du bist nun schon eine Weile dabei als Beraterin bei 1000plus. Wird man mit der Zeit eigentlich „abgebrühter“, oder ist jeder Anruf und jede E-Mail immer noch herausfordernd?

Ich denke nicht, dass wir angesichts der Schwere der Entscheidung, die die Frau trifft, jemals abgebrüht werden können. Ich denke sehr wohl, dass mit jeder Beratung der Erfahrungsschatz wächst und mit einer stetigen Neuausrichtung auf Gott hin auch die Beratungsqualität steigt. Doch ist jede weitere Beratung herausfordernd wie die allererste. Oft fühle ich mich so, als hätte ich den Einsatz gebracht, der bei Bergungsarbeiten gebracht wird, wo jede Sekunde zählt. Ich hoffe nicht, dass ich eines Tages an den Punkt komme, wo ich die Hände in den Schoß lege und nach "Schema F" die Punkte eins bis zehn abarbeite. Denn dann würde dem Wert der einzelnen Frau und der Schönheit ihres Lebens nicht gerecht geworden sein. Stattdessen: Maximaler Einsatz im Vertrauen auf Gott – immer wieder neu!

Deinen "Master of Counseling" hast Du an einer theologischen Hochschule absolviert, und bist auch selbst Theologin. Welchen Unterschied macht es, wenn man als Beraterin ein christliches Menschenbild hat?

Ich bin überzeugt, dass ohne ein christliches Menschenbild kein vollständiges Gesamtbild entstehen kann. Sowohl bei der eigenen Person als Beraterin als auch bei den Menschen, mit denen wir im Laufe des Tages in Kontakt kommen. Angefangen bei der Arbeit im Team: Ich muss für meine eigenen Fehler nicht andere verantwortlich machen, weil ich mir eingestehen darf, dass ich als Mensch begrenzt bin und dass ich Vergebung empfangen kann. Fortgeführt durch die Umkehrung dessen: Weil Vergebung da ist, kann ich aus einer Freiheit heraus für das Team da sein und zu einer guten Ergänzung beitragen wollen. 

Am wichtigsten aber ist wohl die Liebe in der Begegnung mit schwangeren Frauen, die aus menschlichen Stücken heraus ohne ein Bewusstsein Gottes auch wertvoll ist, doch im Kern kaum eine Wandlung veranlassen könnte. Jeder Einsatz ist von Wert, doch der Einsatz aus Liebe zu Gott und dem Mitmenschen ist gesegnet, da er dem Auftrag Gottes an uns entspricht: 

„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts. Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ (1. Kor. 13, 1-13)

1000plus-News möchte auf die Not ungewollt schwangerer Frauen aufmerksam machen. Unterstützen Sie die Arbeit der 1000plus-Beraterinnen mit Ihrer Spende.

Das könnte Sie auch interessieren