Für Julia

Warum geht 1000plus nach Berlin?

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Kristijan Aufiero, Leiter des Projekts 1000plus von Anfang an.
Kristijan Aufiero, Leiter des Projekts 1000plus von Anfang an.
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1000plus

Die Geschichte von Julia, die schon längst bei einer staatlichen Beratungsstelle war, den sogenannten „Beratungsschein“ in der Tasche und einen fest vereinbarten Termin zur Abtreibung hatte, die aber bis zuletzt im Internet nach irgendeinem Strohhalm suchte, bedeutet viel: Sie zeigt, welche Möglichkeiten und welches Potenzial ein Beratungsangebot wie das von 1000plus hat.

von Kristijan Aufiero, Projektleiter von 1000plus

 

Für Julia

Anstelle von Wachstumszahlen und -prognosen, anstelle von Zielen und Herausforderungen und anstelle von detaillierten Ausführungen darüber, wie sehr sich die Welt um uns herum verändert, möchte ich Ihnen heute gerne eine besondere Geschichte erzählen.

Es ist die Geschichte von Julia*, die – wie so viele – mit einem „Abtreibungstest“ auf unserer Online-Beratungsplattform beginnt. Der Test erreicht uns am Mittwoch, den 4. Juli 2018, um 15.40 Uhr. Julia ist 21 Jahre alt und in der 11. Schwangerschaftswoche. Sie sagt, dass sie sich anfangs über die Schwangerschaft gefreut habe. Dann aber kam schnell ein „ungutes Gefühl“ auf.

Julia weiß nicht, welche Entscheidung die richtige ist. Es gibt so vieles, was „gegen, aber auch für ein Kind sprechen“ würde. Auf die Frage des Tests „Welche Werte sind für Ihr persönliches Leben ein richtungsgebender Kompass?“ wählt sie die Antwortvorschläge „Liebe“ und „Hilfsbereitschaft“ aus.

„Ja, ich war bereits bei einer Beratungsstelle. Ja, ich habe bereits einen Termin für eine Abtreibung“. Das ist die Antwort auf Frage 11 des Tests, die unserem Team „Alarmstufe Rot“ signalisiert. Unsere Beraterin Maria W. übernimmt den Beratungsfall und lässt alles andere erstmal warten.

Nach weniger als 60 Minuten macht sich die ausführliche und persönliche E-Mail der Beraterin von München aus auf den Weg in eine deutsche Kleinstadt. Im ersten Absatz steht die wichtigste Botschaft an Julia:

„Liebe Julia, heute Nachmittag haben Sie sich mit einem Abtreibungstest an unser Beratungszentrum gewandt. Vielen Dank für das Vertrauen, das Sie uns dadurch entgegenbringen!

Ihren Angaben entnehme ich, dass Sie sich gerade in einer richtig verzweifelten Situation wie gefangen fühlen – Sie haben schon einen Abtreibungstermin vereinbart, und doch ist da etwas in Ihnen, das sich gegen diesen letzten Schritt zu sträuben scheint, etwas, das Sie dazu gebracht hat, uns zu schreiben und noch einmal über alles nachzudenken. Ich danke Ihnen wirklich dafür, denn so lange Sie noch diesen Zweifel und diese Unsicherheit in sich spüren, ist es gut, noch einmal inne zu halten.

Sie beschreiben Ihre Situation mit dem Bild eines Loches ohne Licht, in dem Sie sich wie gefangen fühlen … Vielleicht kann meine Mail ein erster Lichtstrahl für Sie sein und so möchte ich Ihnen nun so schnell wie möglich antworten.“

 

Hören, was das Herz sagt

Nach dieser Einleitung geht unsere Beraterin Maria W. auf jede einzelne Test-Antwort Julias ein, versucht ihr Denkanstöße mit auf den Weg zu geben und stellt weiterführende Fragen. Fragen, die helfen könnten, eine Perspektive für das Leben zu eröffnen.

Zum Schluss schreibt sie:

„Liebe Julia, am Ende möchte ich Sie noch um etwas bitten: Nehmen Sie sich etwas Zeit für sich selbst und tun Sie sich etwas Gutes! Gerade in dieser sensiblen und anstrengenden Zeit ist es wichtig, dass Sie liebevoll und großzügig zu sich selbst sind, um zur Ruhe zu kommen.

Unser Verstand schreit oft überlaut seine Argumente heraus, die sich jedoch vor allem auf die äußeren Umstände stützen, die so vergänglich sind; so schnell kann sich alles ändern. Doch unser Herz, das unser Innerstes in sich birgt, spricht meist mit leiser, zarter Stimme; es hat jedoch in aller Regel die besseren Argumente und wird unser lebenslanger treuer und beständiger Begleiter sein. Versuchen Sie also in Ruhe herauszufinden, was Ihr Herz Ihnen sagt.“

Bereits nach 28 Minuten schreibt Julia zurück. Sie bedankt sich sehr für die schnelle Antwort und beschreibt ihre Situation: Sie hat sich erst kürzlich ihren Traum von einer eigenen kleinen Boutique erfüllt. Ihr Freund freut sich über das Kind. Aber sie schreibt und begründet ausführlich, warum sie sich nicht auf ihn verlassen kann. Auch ihre Familie ist unter diesen Umständen strikt gegen das Baby.

„Ich möchte arbeiten und mein Leben im Griff haben. Ich will nicht vom Amt leben müssen. Weil meine Eltern total dagegen sind, hätte mein Baby niemanden außer mir. Ach, ich weiß nicht mehr weiter. Mal bin ich für dieses Kind, dann wieder nicht. Ich hab einfach nur Angst! Angst, dass ich es allein nicht schaffe! Morgen habe ich den Abtreibungstermin. LG Julia“

Unsere Maria W. will diese junge Frau nicht so in den Abend und in die Nacht gehen lassen. Es ist 17.29 Uhr und es ist die letzte E-Mail eines intensiven Arbeitstages:

„Liebe Julia, danke, dass Sie gleich wieder geschrieben haben! Aus Ihren Worten wird so deutlich, dass Sie eigentlich noch gar keine Entscheidung getroffen haben. Morgen ist der Abtreibungstermin. Aber in Ihnen tobt noch immer ein Kampf! Ich kann Ihnen unter diesen Umständen nur raten, den Termin zu verschieben. Aus jeder Ihrer Zeilen wird deutlich, wie aufgewühlt Sie sind. Das sind nicht die Umstände, unter denen man klare und tragfähige Entscheidungen treffen kann!“

Im zweiten Absatz macht sie Julia deutlich, dass sie verstanden wird, dass sie gesehen wird, mit all ihren Nöten und Ängsten. Dass es aber auch Wege gibt, die aus diesem „Loch ohne Licht“ hinausführen:

„Ich verstehe, dass Sie sich große Sorgen machen. Ihre Situation ist alles andere als einfach. Aber ich möchte Ihnen sagen, dass wir an Ihrer Seite stehen! Hinter mir steht ein bundesweites Helfernetz, wir haben wirklich die Möglichkeit, Sie schnell und unbürokratisch zu unterstützen: durch Hilfe im Alltag, Vermittlung einer Kinderbetreuung, finanzielle Unterstützung … Sie stehen nicht alleine da, liebe Julia! Wenn Sie mir Ihre Postleitzahl schicken, kann ich mich sofort auf die Suche nach Helfern in Ihrer Umgebung machen.“

Im letzten Absatz dieser Nachricht gibt Maria W. der Schwangeren noch den Hinweis, den wir allen Frauen in dieser Situation mit auf den Weg geben:

„Sie können morgen einfach zu Hause bleiben und den Termin nicht wahrnehmen. Nichts und niemand kann Sie zwingen, gegen Ihren Willen dorthin zu fahren! Sollten Sie sich dennoch auf den Weg machen, dürfen Sie jederzeit umkehren, wenn sich eine innere Stimme meldet, die ‚Nein!‘ sagt. Bis zur letzten Minute.“

 

Korrespondenz im Zug

Der nächste Tag: Donnerstag, der 5. Juli. Maria W. startet den Computer und prüft den E-Mail-Eingang. Keine Nachricht von Julia. Um 8.33 Uhr geht die erste E-Mail an Julia raus. Nochmal schreibt sie der Schwangeren, dass sie nicht zu Abtreibung muss, dass es Hilfen gibt, dass sie anrufen kann … keine Reaktion. Bis 10.08 Uhr:

„Guten Morgen, Frau W., meine Nacht war nicht so schön. Ich konnte nicht schlafen, hab nur gegrübelt. Ich sitze im Zug. Um 11.40 Uhr ist der Termin in der Klinik. Ich hoffe, dass ich das Richtige mache. Mit der Zeit werden meine Wunden heilen, hoffe ich. Ich find einfach immer noch kein Licht in meiner Dunkelheit. Keine Familie, die mich unterstützt. Einen Partner, der sich nicht mal um sich selbst kümmern kann. Mein Traum, der sich in Luft auflösen würde. Ich danke Ihnen sehr für die Unterstützung und für Ihre Mühe, mir zu helfen! Aber ich weiß nicht, da ist einfach eine Stimme, die sagt, ich soll das machen, ich werde das schon überstehen. Aber wieso weine ich, wieso bin ich so traurig, wieso tut es mir so weh, wieso?“

Nach dieser E-Mail informiert Maria W. das gesamte Münchner Team und bittet um Gebet. Barbara Dohr, die Beratungsleiterin in München, mailt einen „kurzen Hilferuf“ an Markus Arnold und mich: „Maria W. berät eine junge Schwangere, die um 11.40 Uhr einen Termin zur Abtreibung hat. Die Ärmste ist nur am Weinen. Bitte aktiviert alle Beter!“

Es ist schwer, in einem Brief wie diesem den Beratungsverlauf wiederzugeben, der sich von 10.08 Uhr bis zur letzten E-Mail um 11.37 Uhr abgespielt hat. Insgesamt gab es acht E-Mails in diesen knapp eineinhalb Stunden, in denen Julia erst im Zug und später in der S-Bahn saß. Immer wieder schreibt die Beraterin an Julia, dass sie auf ihr Herz hören soll, dass sie sich Zeit nehmen soll, dass sie umkehren kann, dass sie anrufen soll, dass 1000plus sofort helfen würde … ein – im wahrsten Sinne des Wortes – atemberaubendes Hin und Her. Bis 11.37 Uhr. Ab dann erreichten uns keine weiteren Nachrichten mehr von Julia.

Es gibt einen kurzen Absatz aus dieser „Korrespondenz im Zug“ zwischen Maria W. und Julia, der mich nicht loslässt: „Ich kann nicht bis Montag warten, weil es sonst zu spät für die Abtreibung ist. Sitze grad im Zug. Kann nicht telefonieren und reden, weil sonst alle sehen, wie fest ich weinen muss. Tut mir leid!“

Immer wieder stelle ich mir diese junge Frau vor, die in einem Zug sitzt und die ganze Zeit in ihrem Handy liest, tippt, wieder liest und wieder tippt. Was werden sich die Menschen um Julia herum gedacht haben? Vermutlich werden die meisten das getan haben, was ich auch auf Zugfahrten tue: in einer Zeitung blättern, in den Laptop gucken, eine WhatsApp schreiben oder einfach nur den Blick aus dem Fenster schweifen lassen.

Und neben mir könnte diese junge Frau sitzen, die meine Tochter sein könnte. In der 11. Schwangerschaftswoche, auf dem Weg in eine Abtreibungsklinik – und so verzweifelt, dass sie nicht sprechen kann, weil sie sonst in Tränen ausbrechen würde. Der Gedanke erschüttert mich. Und doch geschieht genau das, Woche für Woche, mitten unter uns, tausendfach.

In Interviews oder im Rahmen von Vorträgen werde ich immer wieder gefragt, warum ich diese Arbeit tue und was meine Beweggründe waren, 1000plus zu gründen. Meine Antwort lautet: wegen Julia. Und wegen Anna. Wegen Sarah und Laura, wegen Emilia und Nathalie. Ich tue, was ich tue, wegen der Frauen, die so verzweifelt sind, dass sie glauben, keine andere Wahl als eine Abtreibung zu haben. Ich tue meine Arbeit, weil ich das ändern will, weil ich mir wünsche, dass ihre Babys zur Welt kommen dürfen!

 

Betreff: „Gebetserhörung!!!!!!!!!“

Es vergingen Stunden des Wartens. Ständiges Nachsehen und Klicken im E-Mail-Postfach, bis Maria W. am späten Nachmittag eine Rundmail mit dem Betreff „Gebetserhörung!!!!!!!!!“ herumschickt:

„Hallo Frau W., ich wollte nur sagen, dass ich nicht abgetrieben habe und das Kind behalten möchte. Jetzt werde ich ausziehen müssen. Ich weiß nicht, wie ich das alles machen soll, alleine, mit wenig Geld. Können Sie mir wirklich helfen? LG Julia“

„Oh ja, liebe Julia“ wollte ich am liebsten gleich selbst zurückschreiben, „und ob wir Dir helfen werden! Du kannst Dich auf uns verlassen, denn genau dafür sind wir da!“

Dieser „24-Stunden-Beratungsfall“ sagt mehr über unsere Zeit, über die Situation so vieler Schwangerer, die wir jeden Tag in Ihrem Auftrag beraten, und mehr über unsere Arbeit, als sämtliche Zahlen, Daten und Fakten.

Julia steht für tausende Frauen, die da draußen sind und 1000plus brauchen!

Die Geschichte dieser jungen Frau, die schon längst bei einer staatlichen Beratungsstelle war, den sogenannten „Beratungsschein“ in der Tasche und einen fest vereinbarten Termin zur Abtreibung hatte, die aber bis zuletzt im Internet nach irgendeinem Strohhalm suchte, bedeutet noch viel mehr: Sie zeigt, welche Möglichkeiten und welches Potenzial ein Beratungsangebot wie das von 1000plus hat.

 

Verdoppelungsfonds 2018

Bitte lassen Sie uns gemeinsam dieses einzigartige Beratungskonzept für Schwangere in Not ausbauen. Bitte lassen Sie uns gemeinsam alles versuchen, um noch viel mehr Frauen wie Julia zu erreichen, ihnen den Mut, die Hoffnung und die Nächstenliebe zu schenken, die nötig sind, damit ihre Babys zur Welt kommen dürfen und ihre Herzen unversehrt bleiben!

Mit Ihrer Hilfe ist es möglich, dieses Jahr die einst unerreichbare Grenze von „10.000plus“ Schwangeren zu überschreiten und ein weiteres Beratungszentrum – diesmal in Berlin – aufzubauen. Deshalb bitte ich Sie heute inständig: Bitte beteiligen Sie sich bis zum 30. September mit einer großzügigen Spende am diesjährigen Verdoppelungsfonds.

Bitte bleiben Sie an der Seite dieser Frauen!

Mit sehr herzlichen Grüßen

Unterschrift KJA

* alle personenbezogenen Angaben wurden zum Schutz der Schwangeren verändert bzw. anonymisiert

PS: Bis zum 30. September 2018 wird jede Spende mit dem Vermerk "Aufbau 2018" automatisch verdoppelt. Weitere Informationen finden Sie hier.

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1000plus geht nach Berlin!

Im Jahr 2018 wollen wir ein Beratungszentrum in Berlin eröffnen. Ein kleiner Kreis von Unterstützern hat uns zugesagt, alle Spenden bis 30. September 2018 für den Aufbau dieses neuen Beratungszentrums zu verdoppeln. Das bedeutet: Jeder Spenden-Euro wird ab sofort automatisch verdoppelt! Sind Sie auch dabei? 

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