Gebetsbrief September

 

Liebe Beterin, lieber Beter,

viele Frauen, die sich an Pro Femina wenden, werden von der Nachricht „Ich bin schwanger“ kalt erwischt. Was genau ist es, was sie dabei so erschreckt? Ich glaube, ein Aspekt dieser Angst ist das Thema „Zeit“. Denn mit diesem Kind scheinen auf einmal alle Pläne und Vorstellungen über die Zukunft hinfällig. „Mein Examen steht doch im nächsten Jahr an“– aber mit einem Mal ist alles anders. Die Zukunft steht unter Vorbehalt: Wie wird es überhaupt weitergehen mit Kind? Diese Unsicherheit ist es, die einen Teil des Schocks ausmacht, den die Schwangeren erfahren. Das Nachdenken über die Zukunft hat einen ganz besonderen Klang – aber der scheint auf einmal verstimmt zu sein. Wenn ich über diesen Umstand nachdenke, kommt mir eine Stelle aus der Heiligen Schrift in den Sinn. 

Der Evangelist Lukas beschreibt eine Szene (Lk 4,16-21), in der Jesus das Nachdenken über die Zeit auf den Kopf stellt. Zuhause in Nazareth, in der Synagoge, wird er gebeten, aus der Schrift vorzulesen: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze.“ Die Zuhörer müssen diesen Text bisher ganz so verstehen, als ob er sich auf eine ferne Zeit bezieht. 

Wann das alles eintritt: Wer weiß? Sicherlich nicht in meiner Lebenszeit. Vielleicht auch gar nicht? Man kann es ja nicht wissen. Die Versöhnung Gottes mit den Menschen, das „Reich Gottes“ scheint fern, eine Geschichte, eine Anekdote, ein Traum. Christus widerspricht und bezieht die Prophetie auf das radikale Jetzt: Hier, heute – mit ihm. „Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ Er ist es, der die Erlösung bringt – und zwar nicht in einer fernen, fremden Zukunft – dort auch – aber auch schon heute und hier. Christus lenkt die Gedanken der Zuhörer um: weg vom Nachdenken über das, was sein könnte, hin zum Augenblick. Später wird es heißen:  „Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ (Lk 17,21) 

Dieser Gedanke prägt auch die Beraterinnen von Pro Femina, die tagtäglich mit „ihren“ Schwangeren um eine gute Zukunft ringen. Sie wissen, dass sich diese Zukunft aber nicht im Träumen erschafft, sondern eben anders: im Jetzt – als Resultat konkreter, kleiner Schritte im Heute. Die Schwangeren lernen, den Fokus auf den Augenblick zu legen. Da ist noch viel Unsicherheit, viel Schrecken und Angst. Aber je länger das Heute im Fokus bleibt, desto mehr erscheint es als das, was es ist: als eine Herausforderung, die es zu meistern gilt – und nicht als unüberwindbares Schreckensgebilde. 

Bei diesen Gedanken muss ich an ein Zitat aus einem Vortrag des Wiener Psychiaters Viktor Frankl denken, den ich in meinem Urlaub gelesen habe: „Existenz ist Entscheidung“. Sich hier und jetzt, und zwar richtig entscheiden zu können, das lässt alle Ohnmacht und Angst schwinden. Nicht sofort. Aber in dieser Entscheidung ist die Frau ganz im Leben angekommen, sie ist ganz bei sich – und gestaltet ihre Zukunft bestmöglich. Indem sie einfach den Augenblick annimmt – und das, was aus ihm folgt. 

Diesen Entscheidungen sind aber nur möglich, weil Sie, liebe Beter, diese möglich machen. Mit Ihren Gebeten und Ihrer Unterstützung sorgen Sie dafür, dass sich die Schwangeren in Not in aller Ruhe und Freiheit fragen dürfen: „Was will mir das Leben mit dieser Schwangerschaft sagen? Und wie antworte ich auf diese Frage?“ Sie haben schon eine Antwort gegeben: Es ist das JA zu diesen Frauen und ihren Kindern. Deswegen können auch diese Frauen JA sagen. Dafür danke ich Ihnen von Herzen!

Vielen Dank, dass Sie für Johanna gebetet haben. Sie hat den Mut gefunden JA zu sagen und sich für ihr Baby zu entschieden. 

Farida ist leider den Weg der Abtreibung gegangen. Ihr geht es mit dieser Entscheidung im Nachhinein nicht gut. Sie schreibt, dass sie leidet. Darf ich Sie weiter um Ihr Gebet für Farida bitten? 

Auch Louise hat nicht die Kraft gefunden, JA zu ihrem Kind zu sagen. 

Der Kontakt zu Sally und Matilda ist leider trotz der Nachfragen ihrer Beraterinnen vorerst abgebrochen. Wir können gerade noch nicht wissen, wie sie sich entschieden haben. 

Herzliche Grüße aus München

Ihr 

Dr. Markus Arnold