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NDR-Journalistin Kristina Weitkamp hat kritische Fragen zur 1000plus-Beratung. Kristijan Aufiero antwortet.

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Kristina Weitkamp versucht sich als Journalistin für sexuelle Aufklärung.
Kristina Weitkamp sieht sich als Journalistin für sexuelle Aufklärung.
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Screenshot Youtube/https://youtu.be/I_HEUr_5j8M

Kristina Weitkamp hat im Rahmen ihrer NDR-Recherche die Pro Femina-Beratung getestet. Im Nachgang richtete sie einige kritische Fragen per E-Mail an uns. 1000plus-Projektleiter Kristijan Aufiero hat sich entschieden, ihre Fragen öffentlich zu beantworten.

Sehr geehrte Frau Weitkamp,

haben Sie vielen Dank für Ihre „Presseanfrage Abtreibungstest“ vom 18. Januar 2019.

In dem Abtreibungstest, den Sie im Rahmen Ihrer „Recherche“ am 17. November 2018 auf unserer Internetseite ausgefüllt und an Pro Femina gesandt haben, gaben Sie an, dass „Liebe, Vertrauen, und Hilfsbereitschaft“ diejenigen Werte sind, die in Ihrem „persönlichen Leben ein richtungsgebender Kompass“ seien. In der Folge dieses Tests, in dem Sie angaben, schwanger und im Konflikt zu sein, entwickelte sich eine Korrespondenz mit unserer Beratung. Diese mündete schließlich in einem persönlichen Beratungstermin am 8. Januar 2019 in unserem Heidelberger Beratungszentrum. Sie hatten Ihren „Freund“ mitgebracht und schilderten mit feuchten Augen etwa 5 Minuten lang Ihre „Situation“ in etwa so, wie Sie es schon in Ihrem Abtreibungstest taten: „Ich bin umgezogen und kenne hier niemanden, mein Freund wohnt in der Heimat und ich bin erst seit kurzem mit ihm zusammen. Außerdem habe ich gerade ein Studium angefangen.“

Da aufgrund verschiedener Unstimmigkeiten im vorangegangenen Beratungsverlauf Zweifel hinsichtlich der Glaubwürdigkeit Ihres „Falls“ aufkamen, hatte Ihre Beraterin mit wenigen Klicks im Internet entdeckt, dass Sie als Journalistin tätig sind.

Um mit Ihnen unter vier Augen zu sprechen, bat die Beraterin Ihren "Freund" darum, sich für einige Minuten vor der Tür die Füße zu vertreten.

Auf die direkte Frage, ob Sie nun als Schwangere oder als Journalistin hier seien, haben Sie unumwunden eingeräumt, aus beruflichen Gründen da zu sein. Als Ihr "Freund" wieder zurück kam, eröffneten Sie ihm sogleich, Sie seien leider "enttarnt" worden. Seit Ihrer Presseanfrage wissen wir nun, dass Sie gemeinsam mit Ihrem Kollegen, der seinerzeit als „Freund“ dabei war, im Auftrag des NDR „für einen Film zum Thema Schwangerschaftsabbrüche“ recherchieren.

Ich weiß nicht, ob Ihnen „Liebe, Vertrauen, und Hilfsbereitschaft“ wirklich wichtige Werte sind, oder ob das lediglich zu Ihrer „Tarnung“ gehörte? Bei Pro Femina und 1000plus sind diese Werte tatsächlich und ganz real von großer Bedeutung. Nun ist es so, dass es zugegebenermaßen schwer fällt, Ihnen nach diesem (wie man heutzutage sagt) „Fake-Beratungsfall“ so zu vertrauen, wie wir dies getan hätten, wenn Sie sich offen und ehrlich als Journalistin vorgestellt hätten. Gerne werden wir Ihre Fragen deshalb ausführlich und transparent an dieser Stelle öffentlich beantworten.

Kristina Weitkamp/NDR: In der ersten Mail ist von "finanzieller Unterstützung" die Rede. Mit bis zu welchem Betrag, unter welcher Voraussetzung und über welchen Zeitraum bietet pro femina betroffenen Frauen diese Zuwendung? Wo kommt das Geld her? 

Kristijan Aufiero/1000plus: Grundsätzlich sehen wir unsere Aufgabe darin, Frauen im Schwangerschaftskonflikt die Information, Beratung und Hilfe zur Verfügung zu stellen, die Entscheidungen für das Leben ermöglichen. Dafür betreiben wir mit profemina.org ein Informationsportal, das im vergangenen Jahr über 850.000 Besuche verzeichnet hat. Darüber hinaus beraten wir mithilfe eines Teams von derzeit 35 hochqualifizierten Mitarbeiterinnen über 1.500 Frauen, die sich jeden Monat an uns wenden. Die Beratung erfolgt schriftlich, telefonisch und persönlich – über den Kommunikationskanal, den die Frau für sich bevorzugt. So wie in Ihrem „Beratungsfall“, geschieht diese Beratung zuweilen über alle drei Kanäle.

Die dritte Säule unserer Arbeit bildet konkrete und unmittelbare Hilfe für Frauen im Schwangerschaftskonflikt. Dafür können wir auf ein bundesweites Netzwerk von vielen hundert ehrenamtlichen Helfern zurückgreifen, die im Fall der Fälle konkrete und persönliche Hilfe leisten. Darüber hinaus stellen wir immer dann direkte, finanzielle Hilfe zur Verfügung, wo dies nötig ist, um einer Frau beziehungsweise ihrer Familie wirkliche Entscheidungsfreiheit zu ermöglichen. Der Umfang dieser finanziellen Hilfe richtet sich nach dem individuellen Bedarf der Schwangeren beziehungsweise der Mutter und ihrer Familie. Diese Hilfen können von einem Gutschein für eine Babyerstausstattung über die Finanzierung eines Umzugs in eine größere Wohnung bis zum Zuschuss für die Anschaffung eines größeren Wagens im Falle einer Mehrlingsschwangerschaft reichen.

Wann immer es aus Sicht der Frau nötig ist, leisten wir auch längerfristige, kontinuierliche finanzielle Hilfe. Beispielsweise, um zwölf Monate lang die Differenz zwischen dem Elterngeld und dem letzten Nettogehalt auszugleichen, weil die Familie sonst nicht mehr „über die Runden“ käme. Oder wir beteiligen uns an den Kosten einer Tagesmutter, damit eine alleinerziehende, junge Mutter, die keine Kita in ihrer Nähe hat, weiterhin berufstätig bleiben und ihren Lebensunterhalt verdienen kann.

Eine überglückliche, von 1000plus beratene Mami.
Eine überglückliche, von 1000plus beratene Mami
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1000plus

Hat Kristina Weitkamp sachlich und unvoreingenommen zu 1000plus recherchiert? Hier geht´s zu unserem "Faktencheck NDR".

 

In Ihrem „Fall“ hätten wir Ihnen als „Studentin“ womöglich so geholfen, dass Sie Studium und Kind „unter einen Hut“ bekommen hätten – auch dann, wenn Ihre Eltern Sie überhaupt nicht und Ihr „Freund“ Sie nur im Rahmen der gesetzlichen Mindestvorgaben unterstützt hätten. Ob diese Hilfe nun ein, zwei oder drei Jahre gedauert hätte, hätte wesentlich davon abgehangen, wie viel Zeit Sie gebraucht hätten, um Ihr „Studium“ erfolgreich abzuschließen. Sicher ist, dass wir Sie nicht mitten im Studium „im Regen“ hätten stehen lassen, und dass wir alles dafür getan hätten, dass Sie trotz der großen Herausforderung für sich und für Ihr Baby sorgen und zuversichtlich in die Zukunft hätten blicken können.

Ganz grundsätzlich: Finanzielle Hilfe leisten wir stets subsidiär – also nach Ausschöpfung aller anderen öffentlichen und privaten Möglichkeiten – und nach sorgfältiger Prüfung der finanziellen Situation der Frau.

Kristina Weitkamp/NDR: In der Mail finden sich Formulierungen wie - "Vermutlich schlägt Ihr Herz auch schon, trotz allen Zweifels, ein wenig für das Kleine in Ihnen. Kann das sein?" oder: - "Und sicherlich könnten Sie alles dafür tun, um in Ihrem Baby ein fundiertes Urvertrauen grundzulegen. Sehen Sie das auch so?" Lösen diese Suggestivfragen nicht bei einer Schwangeren, die über einen Abbruch nachdenkt, ein schlechtes Gewissen aus? 

Kristijan Aufiero/1000plus: Die Logotherapie nach Viktor E. Frankl bildet das therapeutische Fundament unserer Beratungsarbeit. Mit Frankl sind wir bei Pro Femina davon überzeugt, dass unser Gewissen gleichsam unser aller „Sinn-Organ“ ist. Es lässt uns verstehen und erkennen, was der Augenblick von jedem von uns und nur von uns allein verlangt. Ob angesichts eines offensichtlichen Unrechts, im Anblick eines Menschen, der unserer Hilfe bedarf, oder beim Blick auf die Konsequenzen unseres eigenen Handelns – es ist das Gewissen, das uns sagt, was richtig ist. Es ist unser persönliches Gewissen, das uns unsere ureigenen Werte, Maßstäbe und Prinzipien bewahrt, verkörpert, zu uns spricht und uns hilft, das zu tun, was wir im Innersten für richtig halten und was letztendlich auch stets zu unserem Besten ist. Es ist IMMER richtig, im Einklang mit seinem Gewissen zu handeln.

Niemand sollte aufgrund widriger äußerer Umstände oder aus Angst gegen sein Gewissen handeln müssen! Es gehört zu den schrecklichsten Tragödien unserer Zeit, dass tausende Frauen Jahr für Jahr gegen ihre innere Stimme und gegen ihr Gewissen zu einer Abtreibung gehen, weil „das Herz Ja, der Verstand aber nein“ zu ihrem Kind sagen. Deshalb besteht ein wesentliches Ziel unserer Beratung darin, jede Frau mit ihrer inneren Stimme in Berührung zu bringen und ihr zu helfen, in vollständigem Einklang mit ihrem Gewissen zu handeln und das zu tun, was sie in ihrem Innersten für richtig hält. Genau diesen Sinn haben und dieses Ziel verfolgen die Beratungsfragen, die Sie in Ihrer Frage zitiert haben. Und ich kann offen gestanden nichts Schlechtes darin erkennen, Menschen inmitten einer schweren, existentiellen Krise zu helfen, nach ihrem Gewissen zu handeln.

Kristina Weitkamp/NDR: Nachdem ich auf die erste Mail nicht geantwortet habe, erhielt ich vier weitere Mails. Setzt diese Menge an Nachrichten die Schwangere nicht unter Druck? 

Kristijan Aufiero/1000plus: Seit Einführung des „Abtreibungstests“ haben tausende Frauen diese Möglichkeit genutzt, um einen Rat angesichts der Frage „Abtreibung Ja oder Nein“ einzuholen. Bei der Frage, wie die daraufhin erfolgte Beratung einzuordnen und zu bewerten ist, kommt es – ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen – nicht so sehr darauf an, was Sie davon halten. Auch nicht darauf, was ich davon halte. Für Pro Femina zählt, wie die von uns beratenen Frauen diese Beratung sehen und die von Ihnen erwähnten Nachfragen empfinden. 

Und genau dazu gibt es zwei recht eindeutige Befunde. Zum einen wurden rund 1.000 von uns beratene Frauen im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit an einer Münchner Hochschule zu ihren Erfahrungen mit ihrem „Abtreibungstest“ befragt. Zum anderen erreichen uns Monat für Monat hunderte persönliche Antworten beratener Frauen. Sowohl das Ergebnis dieser Evaluation als auch die persönlichen Zeugnisse der Frauen sind selbst für uns immer wieder frappierend eindeutig: Die Antworten auf den Test, aber auch das wiederholte Nachfragen nach dem Befinden der Schwangeren erleben weit über 90 Prozent dieser Frauen als respektvoll, wertschätzend und hilfreich. Sie werden verstehen, dass uns dieser Befund sehr dankbar und glücklich macht. Die einzelnen Ergebnisse dieser Evaluation finden Sie in unserem Jahresbericht 2017 ab Seite 34 beziehungsweise hier. Eine kleine Auswahl von originalen Zitaten aus Rückmeldungen von beratenen Schwangeren – allein zum Thema „Nachfragen“ – finden Sie hier. 

Welche Fragen stellen sich Frauen, die mit der Frage nach einer Abtreibung konfrontiert sind?

Welche Fragen stellen sich Frauen, die über eine Abtreibung nachdenken? I Foto: Screenshot Google

 

Hat Kristina Weitkamp sachlich und unvoreingenommen zu 1000plus recherchiert? Hier geht´s zu unserem "Faktencheck NDR".

 

Kristina Weitkamp/NDR: Durch die unter Punkt 2 aufgeführten Formulierungen und die sehr emotionale Ansprache kann der Eindruck einer einseitigen Beratung entstehen. Beraten Sie neutral und ergebnisoffen?

Kristijan Aufiero/1000plus: Der mit Abstand häufigste Google-Suchbegriff, der unmittelbar zu unserem „Abtreibungstest“ führt, lautet „Abtreibung Ja oder Nein“. Es ist davon auszugehen, dass Frauen, die diese Frage googeln, folgerichtig auf der Suche nach einer Antwort auf genau diese Frage sind. Nun liegt es in der Natur eines Rats, dass dieser nicht sagt „es ist völlig egal und dasselbe, wie Du Dich entscheidest“. Jedenfalls entspricht so eine Haltung – die vordergründig ein Ausdruck von Neutralität ist – nicht unserem Verständnis von Beratung. Im Gegenteil: Wir erleben Tag für Tag, dass schwangere Frauen die Haltung ihrer Partner, die zumeist mit einem Satz wie „ich stehe hinter Dir, ganz egal, wie Du Dich entscheidest“ zitiert wird, als zusätzlichen Druck erleben. In der Regel wird genau diese Haltung als die Verweigerung erlebt, Mitverantwortung zu übernehmen, an den Konsequenzen der Entscheidung teilzuhaben und all das mitzutragen, was die Entscheidung für ein gemeinsames Kind mit sich bringt.

Wir erleben in unserer Beratung jeden Tag, wie Neutralität, die nur zum Schein als edler Humanismus daher kommt, Frauen ausliefert, allein lässt und in die Enge treibt. Wir erleben jeden Tag, dass Neutralität einer ratsuchenden, verzweifelten Schwangeren gegenüber nichts anderes ist als der Versuch, Verantwortung zu verweigern und sich „nicht die Hände schmutzig zu machen“. Wir erleben jeden Tag, dass diese Neutralität in Wahrheit nichts anderes ist als unterlassene Hilfeleistung! Auch der Gesetzgeber sieht bei der Beratung für Schwangere in Not nicht Neutralität, sondern Beratung fürs Leben vor: „Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens. Sie hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen; sie soll ihr helfen, eine verantwortliche und gewissenhafte Entscheidung zu treffen.“ (StGB § 219, Absatz 1)

Im Rahmen der „Tarnung“, mit der Sie sich von Pro Femina beraten lassen haben, um Ihren Film zu machen, schrieben Sie am 2. Januar 2019 an Ihre Beraterin:

„erstmal ein frohes neues Jahr! Die letzten zwei Wochen in der Heimat waren ein Auf und Ab bei mir. Ich glaube mittlerweile, dass mein Herz schon an einem Kind hängt. Vermutlich habe ich deshalb auch einen Beratungstermin so lange hinausgezögert. Dennoch sind da all diese Probleme, vor denen ich stehe. Und es sind sogar noch mehr geworden, nachdem ich mich meiner Familie anvertraut habe: Meine Eltern meinten nur, ich sei alt genug und müsse selbst wissen, was ich tue. Mein Freund hat ziemlich geschockt reagiert und will das Kind auf keinen Fall. Er meint, wir würden das niemals schaffen und er wäre noch nicht bereit für ein Kind. Ich habe Angst, dass er sich von mir trennt, wenn ich das Kind behalten will. Kann ich ihn vielleicht zu meinem Termin am Dienstag mitbringen, wenn ich ihn dazu bekomme? Er kann das Thema ja nicht einfach so von sich wegschieben, finde ich... Mit lieben Grüßen Christina“

Ihre „Tarnung“ entspricht inhaltlich tatsächlich der sehr typischen Situation einer Frau im Schwangerschaftskonflikt. Genau solche E-Mails erreichen uns Tag für Tag. Nun möchte ich gerne Ihre letzte Frage so deutlich beantworten, wie es mir möglich ist: Ob wir einer Schwangeren gegenüber neutral bleiben, deren „Herz schon an dem Kind hängt“? Neutral bleiben, wenn die Eltern dieser Frau ihr nur sagen, sie sei „alt genug“, anstatt sich an ihre Seite zu stellen? Selbst dann noch neutral bleiben, wenn ihr Partner ihr sagt, dass er das gemeinsame Kind "auf keinen Fall“ will, und dass sie es „niemals schaffen“ könnten? Neutral sein, wenn diese Frau Angst hat, verlassen zu werden, wenn sie ihr „Kind behalten will“?

Nein, sehr geehrte Frau Weitkamp, eine solche Frau werden wir NIEMALS „neutral“ beraten. Wir werden uns an ihre Seite stellen und alles dafür tun, damit sie all den widrigen Umständen zum Trotz ihrem Herzen folgen und eine Entscheidung für das Leben treffen kann!

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Kristijan Aufiero

PS: Übrigens hätten Sie alle Antworten auf Ihre Fragen auch mit einer recht kurzen Recherche im Internet finden können. Beispielsweise hier, hier oder hier

 

Hat Kristina Weitkamp sachlich und unvoreingenommen zu 1000plus recherchiert? Hier geht´s zu unserem "Faktencheck NDR".

 

 

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