Bundestag beschließt Überprüfung von Pränataltests
„Wenn man für Inklusion ist, muss man vollständig sein“ – Hubert Hüppe
Der ehemalige Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Hubert Hüppe, hat sich im Interview mit radio horeb zur jüngsten Entscheidung des Deutschen Bundestages über nicht-invasive Pränataltests (NIPT) geäußert. Am 8. Oktober 2026 beschloss der Bundestag mit großer Mehrheit, die Anwendung und die Folgen der Kassenzulassung dieser Tests systematisch untersuchen zu lassen.
Hintergrund ist die zunehmende Verbreitung des Bluttests, der seit Juli 2022 in begründeten Einzelfällen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen wird. Doch laut einer im Bundestag angeführten Auswertung der Barmer nahm 2024 bereits fast jede zweite Schwangere den Test in Anspruch. Damit habe sich der ursprünglich für Einzelfälle vorgesehene NIPT faktisch zu einem kassenfinanzierten Screening entwickelt (1000plusNEWS berichtete).
Bundestag sieht Probleme bei Testhäufigkeit und Aussagekraft
Beim NIPT wird anhand einer Blutprobe der Schwangeren untersucht, ob beim ungeborenen Kind ein erhöhtes Risiko für die Trisomien 13, 18 oder 21 besteht. Ein auffälliges Ergebnis stellt jedoch noch keine gesicherte Diagnose dar und muss durch weitere Untersuchungen bestätigt werden. Der Bundestag verweist zudem auf unzureichend klare Kriterien für die Anwendung des Tests. Dadurch bestehe die Gefahr, dass Schwangeren der NIPT zunehmend unabhängig von einer konkreten medizinischen Notwendigkeit empfohlen werde. Auch die Zuverlässigkeit der Testergebnisse gibt Anlass zur Diskussion: Laut dem Bundestagsbericht liegt die Rate falsch-positiver Befunde im Versorgungsalltag viermal höher als theoretisch erwartet. Ein solcher Befund kann Schwangere erheblich verunsichern und sie vor schwierige Entscheidungen stellen, obwohl eine Trisomie möglicherweise gar nicht vorliegt.
„Keine therapeutischen Maßnahmen, sondern Selektion“
Im Interview mit radio horeb vom 13. Oktober 2026 kritisierte Hubert Hüppe die ethischen und gesellschaftlichen Folgen der Pränataldiagnostik. Da eine festgestellte Trisomie selbst nicht behandelt werden könne, bestehe aus seiner Sicht die Gefahr, dass der Test weniger der Therapie als vielmehr der vorgeburtlichen Selektion diene. Ein auffälliger Befund könne Eltern vor die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch stellen.
Hüppe sieht darin einen Widerspruch zum gesellschaftlichen Anspruch auf Inklusion. Er plädiert für ein umfassendes Verständnis von Inklusion, das auch ungeborene Menschen einschließt. In diesem Zusammenhang kritisiert er auch die Möglichkeit später Schwangerschaftsabbrüche, bei denen in bestimmten Fällen durch eine Kaliumchlorid-Injektion der Herzstillstand des ungeborenen Kindes herbeigeführt wird. Statt Menschen mit Behinderungen auszugrenzen, müsse die Gesellschaft ein Miteinander fördern, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen willkommen sind.
Ergebnisse bis Juni 2027 erwartet
Mit dem Beschluss vom 8. Oktober fordert der Deutsche Bundestag ein systematisches Monitoring zur Anwendung und zu den Folgen der Kassenzulassung des NIPT. Die Ergebnisse sollen spätestens Ende Juni 2027 vorliegen. Darüber hinaus soll ein interdisziplinäres Expertengremium die rechtlichen, ethischen und gesundheitspolitischen Grundlagen der Kassenzulassung prüfen. Es soll die Bundesregierung dazu beraten, wie vorgeburtliche genetische Tests ohne unmittelbare therapeutische Handlungsoption verantwortungsvoll angeboten werden können.
Damit wird die Debatte über den NIPT nicht nur als medizinische, sondern auch als gesellschaftliche und ethische Frage weitergeführt.
radio-horeb-Interview mit Hubert Hüppe
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